14. Mai 2015

„Du musst einen langen Atem haben!“ Besuch bei Holger Stonjek & sandberg

Alles begann mit einem freundlichen, agilen älteren Herrn, der vor einiger Zeit in meinen Konzerten auftauchte. Schnell lernte man sich kennen und geriet in einen Austausch über Musik und all das, was sich darum herumrankt.

_Franz  Franz Stonjek

Früher Werkzeugvertreter und (immer noch) begeisterter Akkordeonspieler entpuppte sich Franz Stonjek als musikbegeisterter Vater von Holger Stonjek, seines Zeichens Bassist, Mitgründer & Kopf der international bekannten Braunschweiger Bass- und Gitarrenschmiede „sandberg ::“.

_Logo-sandberg

Und schon bald folgte die Einladung, Holger und seiner Firma am Südostrand Braunschweigs einen Besuch abzustatten. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. An zwei Tagen im April dieses Jahres war es dann soweit: Bassist trifft Bassbauer, Franz war mit dabei, eine schöne Begegnung, interessante Gespräche, vertiefte Einblicke in die Entwicklung, Herstellung und den Verkauf von elektrischen Bassgitarren & Gitarren – und in ein Leben, das ganz der Musik und dem Instrumentenbau gewidmet war und ist.

Bass geschnappt, rein ins Auto und ab in die Heinz-Scheer Str. 2, Franz empfängt mich vor dem sandberg-Gebäude und stellt mich Holger vor, in seinem Büro, das genauso aussieht, wie man es sich als Bassist erträumt: mit Bässen und Gitarren bestückt, ausgestattet mit einem headquarterartigen Schreibtisch und dem üblichen gemütlichen Sofa, das zum Kaffeetrinken einlädt, was wir sofort auch tun.

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Hier wie in der gesamten sandberg-Etage spürst du sofort den speziellen Puls, die besondere Atmosphäre, die künstlerische Produktions- und Werkstätten haben: alles lebt, ständig kommt einer rein, geht einer raus, es riecht nach Holz, nach Werkstatt, in einer Ecke spielt beständig ein Bassist, der sich letztlich aber als „Bass-Maschine“ entpuppt („Einschwinger“ genannt), die von Holger eingespielte Basslicks endlos wiedergibt und auf der neue Bässe montiert sind. Sie werden auf diese Weise, aktives Spielen ersetzend, 100 Stunden lang „eingespielt“ („durchgesummt“), um mehr Sustain, einen runderen Klang zu erhalten. Denn auch elektrische Bässe (und Gitarren) sind nicht einfach Bretter mit Tonabnehmern und Saiten drauf; auch hier spielen Art des Holzes, des Lacks, ihr Spielalter, neben Tonabnehmern, Verstärkern und anderer technischer Ausstattung, eine klangprägende Rolle.

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Holger zeigt mir die Firmenetage mit ihren verschiedenen Abteilungen: z.B. die Holz-, Bass-/Gitarrenwerkstatt, ausgestattet mit zahllosen Hölzern, Basshälsen, Bassbodies, die Elektro-, Finishabteilung, die Lackierkammer. Hier einige Fotoimpressionen, die den eigentümlichen Zauber einfangen, den die Räumlichkeiten und deren Inventar auf mich ausüben …

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Schließlich bleiben wir vor einem gefrierschrankgroßen Gerät stehen, das mich ein wenig an eine medizinische Apparatur erinnert. So falsch ist das gar nicht, denn die sog. „plek-Maschine“ dient der präzise computergesteuerten Diagnose und auch Therapie von E-Gitarren und –Bässen.

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Sie misst auf 1/1000 mm genau die Höhe und Planmäßigkeit von Bünden sowie den Krümmungsgrad von Gitarrenhälsen. Zeigt die Fehlerdiagnose Unstimmigkeiten, so kann die plek-Maschine diese auch gleich korrigieren. Hier also kann man sein Instrument checken und abrichten lassen. Selbstverständlich ergreife ich die Gelegenheit, und Mike nimmt sich meines Basses an.

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Nach der maschinellen Prozedur und einer manuellen Nachbehandlung durch Mike selbst ist mein Bass perfekt eingestellt und leichter bespielbar. Eine tolle Sache! Danke, Mike!

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Schließlich sitzen Holger und ich beim Kaffee zusammen, und ich befrage ihn zu seinem Leben & Beruf. – Schon früh handwerklich interessiert, Akkordeon und – wie früher häufig üblich – zunächst autodidaktisch Gitarre lernend und in Rockbands spielend, lernt Holger das Gitarrenspiel schließlich nochmal neu: er nimmt klassischen Unterricht bei dem Lehrer Jo Ott, beschäftigt sich mit exaktem und musikantischem Spiel, wächst in die südamerikanische Musik, z.B. von Baden Powell, hinein. Am Ende passiert das, was viele Bassisten erzählen: in Holgers Band steigt der Bassist aus, und Holger wird auserkoren, umzusatteln und die Rolle des Bassisten zu übernehmen. Holger begeistert sich für den Bass, auch wenn sein Modell kopflastig ist. Holgers Lösung des Problems? Als Gegengewicht wird eine volle (!) Flasche Bier an den Korpus montiert. Ich finde, das ist eine Variante, die die Firma sandberg auch jetzt noch inspirieren könnte (Modell „bottle-balanced“) 🙂

Holger lernt Gärtner und außerdem Klavierbauer bei der Braunschweiger Firma „Schimmel“. Doch dann kommt alles anders. Gemeinsam mit Gerd Gozelke fängt er 22jährig an, in Ehmen bei Wolfsburg eine kleine Firma zu gründen, die Gitarren repariert. Dies ist die Keimzelle, aus der die heutige Firma hervorgegangen ist. Auch der mittlerweile renommierte Firmenname entsteht in diesen Tagen: „sandberg“, wohlklingend, mit internationalem Flair und doch in den ersten Gründungstagen verwurzelt. Denn Holgers und Gerds kleine „Erstfirma“ hausiert in einem umgebauten Schweinestall „Am Sandberg 18“. So ist das mit Namen, oft auch mit Bandnamen oder Songtiteln, um deren Ursprünge sich eine ganz eigene Geschichte rankt, auf die man niemals käme und die zu hören einfach spannend ist. Einige Jahre später zieht sandberg nach Braunschweig um, es entsteht ein Werbekonzept mit Logo (u.a. die legendären 4 Punkte = : :), und – so war das Anfang der 90er Jahre – man produziert zunächst Bässe aus Edelhölzern mit durchgehendem Hals.

_Holgerfrüher  Holger Stonjek früher beim Bassbau

Ein deutlicher Zielgruppenwechsel folgt bald und lässt ein neues, anderes Bassgitarrenmodell entstehen: den „Basic“; günstiger im Preis und mit geschraubtem Hals. Man setzt auf Händlerbelieferung, nicht Direktverkauf – und plötzlich geht alles schnell: sandberg hat Erfolg und besteht gut am Markt! Doch auch schwere Zeiten brechen an: das Aufkommen des PCs Mitte der 90er Jahre, auch der Wechsel von Gitarrenbands hin zu Boygroups, die radikale Umstellung des Musikmarkts, all dies zwingt sandberg zu extremen Einschränkungen, denn Gitarren laufen nicht mehr so gut. Holger bietet nun Holzschmuck auf Märkten an, und zwar erfolgreich. Gegen Ende der 90er Jahre übernimmt Holger die Firma allein, nach einiger Zeit geht es wieder aufwärts, das Mitarbeiterteam wird erweitert. Es geht nun permanent nach oben, auch der Verkauf im Ausland wächst an, neben den deutschen werden verschiedene Großhändler aus England, Skandinavien, Polen, im asiatischen Raum und neuerdings auch in den USA beliefert. Holger & sandberg haben es geschafft; ihre Firma genießt außerordentliches Renommée!

_Holger-unterWasser  frei geschwommen … …

Zur Zeit arbeiten 27 MitarbeiterInnen bei sandberg (davon 20 Gitarrenbauer), wir haben also einen regelrechten mittelständischen Betrieb vor uns. Bei einer Firma dieser Größe kommt man nicht ohne Strategien, Regeln, hierarchische Strukturen aus. Waren die Firmenanfänge „familienähnlich“, geht es nun um das Schaffen & Erhalten eines „professionellen Teams“. Das ist etwas anderes; dennoch ist Holgers Betriebs-, Teammaxime geblieben: „Alle sollen sich wohlfühlen!“

_sandbergTeamfrüher  ein Bild aus früheren Tagen

Das ist der Weg, den Holger Stonjek bisher gegangen ist. So manche Etappe war durchaus beschwerlich, zumal insb. am Anfang nicht klar sein konnte, wohin der Weg über die Jahre führen mag. Holger sagt: „Du musst an dich glauben und einen langen Atem haben!“ Und: „Das Geld muss egal sein“. Er hat nie Bankkredite aufgenommen, stattdessen – wenn nötig – nebenbei gejobbt. „Irgendwann lebst du mit einem gewissen Maß an Unsicherheit“, sagt Holger und ergänzt: „Manchmal muss man eine Entscheidung treffen, ohne genau zu wissen, wie sie sich auswirkt“. Natürlich wünsche ich Holger & seinem Team, dass sie immer die richtigen Entscheidungen treffen und dass die Zukunft ihnen nur Gutes bringt.

Momentan muss man sich da kaum Sorgen machen, denn Bassisten aus Bands und Projekten um Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Silbermond, Rammstein, Beatsteaks spielen sandberg-Bässe und natürlich viele, viele andere BassistInnen. Auch Christian Eitner (Jazzkantine) oder Reggie Worthy (Udo Lindenberg, Stoppok, ex-Ike & Tina Turner-Band) gehören dazu.

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Als Bassist macht Holger gerne Bassclinics zusammen mit dem Bassisten Reggie Worthy und dem Schlagzeuger Eddie Filipp, sofern es seine Zeit zulässt. Sie touren dann in Deutschland, Polen oder Tschechien, sind ein eingespieltes Team und haben entsprechend viel Spaß auf der Bühne. Holgers Lieblingsbässe von sandberg sind übrigens der „Basic Ken Taylor“ wegen des eigenen Klangcharakters und breiten Klangspektrums sowie Bässe, die auf alt gemacht sind („worn“-look), wegen ihrer besonderen Optik.

_BassAuswahl

Tja, und dann passiert natürlich das, was passieren musste: ich probiere einige Bässe von sandberg aus und bleibe bei einem „California“ hängen, den ich unbedingt haben muss. Selbstverständlich hat er auf mich gewartet, wir gehören einfach zusammen, anders geht es gar nicht mehr, und in ein paar Tagen wird er bei mir einziehen.

Alles Gute, Holger – für dich, das sandberg-Team, deine Bässe. U gonna make it!

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Kontakt:
www.sandberg-guitars.de
Sandberg Guitars bei: www.facebook.com
(Text / Fotos & Bearbeitung: Jürgen Osterloh)

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