Gedanken im Vielklang
Ich schreibe keine Gedichte, um Wirklichkeit zu erklären. Ich schreibe, um ihr zu begegnen.
Am Anfang steht oft ein Augenblick: das Licht in einer Baumkrone, eine Bewegung im Wind, eine alte Allee, das Gesicht eines Menschen, ein Klang, der nachhallt. Solche Erfahrungen sind flüchtig. Im Gedicht erhalten sie die Möglichkeit, länger gegenwärtig zu bleiben.
Dabei suche ich nicht nach Antworten. Mich interessieren die Zwischenräume – dort, wo Wahrnehmung, Erinnerung und Gegenwart einander begegnen. Ein Gedicht darf offenbleiben. Es muss nicht festlegen, sondern kann einen Raum eröffnen, in dem sich Gedanken entfalten.
Diesen Raum nenne ich Gedanken im Vielklang.
Vielklang bedeutet für mich außerdem die Verbindung verschiedener Künste in meinen Lesungen. Sprache, Musik und Licht besitzen jeweils ihre eigene Ausdruckskraft. Sie ergänzen einander, ohne sich gegenseitig zu erklären. Wo Worte enden, beginnt die Musik. Wo Musik verklingt, bleibt ein Bild. Wo ein Bild verweilt, entsteht ein neuer Gedanke.
Ebenso gehört der Mensch, der liest oder zuhört, zu diesem Vielklang. Jeder bringt eigene Erinnerungen, Erfahrungen und Bilder mit. Ein Gedicht wird deshalb nie vollständig vom Autor bestimmt. Es findet seine eigentliche Gestalt erst in der Begegnung mit den Gedanken anderer.
Meine Texte möchten aufmerksam machen – nicht auf das Außergewöhnliche, sondern auf das, was im Vorübergehen leicht übersehen wird. Die Natur ist dabei kein Hintergrund, sondern Gesprächspartner. Bäume, Wege, Wasser, Städte und Landschaften erzählen nicht nur von sich selbst, sondern auch von uns.
Musik begleitet mein Schreiben seit vielen Jahren. In Lesungen begegnen sich Wort und Klang als gleichberechtigte Ausdrucksformen. Musik illustriert die Gedichte nicht; sie öffnet ihnen einen weiteren Resonanzraum. Beide Künste leben von Rhythmus, von Pausen und von dem, was unausgesprochen bleibt.
Ich wünsche mir Literatur, die nicht lauter wird, sondern aufmerksamer. Literatur, die nicht belehrt, sondern einlädt. Literatur, die Zeit schenkt – zum Sehen, zum Hören und zum Weiterdenken.
Letztlich ist dies der eigentliche Sinn des Gedankens im Vielklang: dass aus einem geschriebenen Wort viele Gedanken entstehen können – verschieden, persönlich und doch miteinander verbunden.
Jürgen Osterloh
Gedanken im Vielklang
Wort · Musik · Licht